Darmstädter Echo vom 1. Oktober 2009
Medienkoffer gegen Vorurteile.
Historisches Lernen: Darmstädter Schulen erhalten Info-Material über die Verfolgung der Sinti und Roma
Anna Böhmer, Jahrgang 1926, sitzt am Küchentisch, raucht und ist erregt. „Wir dachten jeden Tag, dass wir totgemacht werden“, beschreibt die Darmstädterin dem im Filmausschnitt nicht sichtbaren Interviewer die Atmosphäre in Auschwitz. Sie wurde in das Konzentrationslager deportiert, als es noch im Aufbau war, erinnert sich an Schläge und schwere Planierarbeiten und den Geruch nach verbranntem Fleisch, der aus dem Krematorium drang. Ihre ganze Familie ist in Auschwitz umgekommen.
Fünf Minuten dauert diese Szene auf einer CD, die Bestandteil des Medienkoffers „Verfolgung der Sinti und Roma und Antiziganismus“ ist. Allen Darmstädter Schulen, von der Grundschule bis zum Gymnasium, wird er in den nächsten Tagen zugestellt. Damit kein Lehrer und auch kein Schüler mehr sagen kann: „Ich habe davon nichts gewusst“.
Darmstadt ist die erste Stadt in Hessen, die sich in Zusammenarbeit mit dem Landesverband Hessen des Verbandes Deutscher Sinti und Roma um eine so umfassende Aufklärung über ein dunkles Kapitel der Geschichte bemüht und tradierte „Zigeunerbilder“ bekämpfen will. Wie nötig dieses Nachsitzen in Geschichte ist, zeigt eine Umfrage unter Lehrern. Nur 1,5 Prozent haben das Thema „Sinti und Roma“ ausführlich im Studium behandelt und 68 Prozent sogar überhaupt nicht. Der Koffer im Materialwert von 60 Euro enthält Arbeitsblätter, die die Diskriminierung von „Zigeunern“ von 1543 bis zur Neuzeit beschreiben, eine DVD über eine Lesung im Justus-Liebig-Haus aus dem Jahr 2006, CDs über das Thema Entschädigung, Interviews mit Zeitzeugen, darunter auch Anna und Michael Böhmer, und das Buch „Abschied von Sidonie“. Darin geht es um eine zehnjährige, bei liebevollen Pflegeeltern aufgewachsene Zigeunerin, die mit dem letzten Zug nach Auschwitz- Birkenau gebracht wird und dort „an Kränkung“ stirbt.
Nach dem Krieg kamen nach Auskunft von Josef Behringer vom Landesverband der Sinti und Roma nur fünfzehn Überlebende nach Darmstadt zurück. Wieviele Sinti und Roma heute hier leben, kann er nur schätzen – vielleicht zweihundert? Er sagt: „Viele outen sich nicht“.
Stadtrat Jochen Partsch begründete gestern bei der Vorstellung des Medienkoffers im Regierungspräsidium, warum sich die Stadt für dieses Unterrichtsprojekt einsetzt. Es wird finanziell unterstützt vom Bundesprogramm „Vielfalt tut gut – Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ und dem Lokalen Aktionsplan Darmstadt. Partsch ging auf die erwähnte Lehrerbefragung ein und sprach von einem ernüchternden Ergebnis und einer Unsicherheit im Umgang mit dem Thema.
Am 16. Dezember 2007 habe die Stadt einen Vertrag mit dem Hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma unterzeichnet, der das freundschaftliche Verhältnis zu der Minderheit fördern soll. Damit wolle sie das 1998 in Deutschland in Kraft getretene Europäische Rahmenabkommen zum Schutz nationaler Minderheiten mit Leben erfüllen. Der historisch bedeutsame 16. Dezember war gewählt worden, weil Reichsinnenminister Heinrich Himmler genau an diesem Tag im Jahr 1942 den Befehl gegeben hatte, alle deutschen Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren.
Regierungspräsident Johannes Baron erinnerte daran, dass das Regierungspräsidium in Darmstadt einst zentrales Regierungsgebäude des Landes Hessen war und mit dem Einzug der SA in das Innenministerium die Herrschaft des Unrechts begann. Nach dem Krieg war das RP Anlaufstelle für Sinti und Roma, die als Opfer der NS-Zeit Ansprüche auf Entschädigungszahlungen hatten.
Der Historiker und Diplom-Politologe Udo Engbring-Romang hofft, dass der Medienkoffer dazu beiträgt, „ein Mehr an Menschlichkeit und Demokratie zu ermöglichen“ und noch immer virulente Vorurteile abzubauen. Das umfangreiche Material mit vielen örtlichen Bezügen könne in den Fächern Politik, Deutsch, Ethik und Geschichte eingesetzt werden und eigne sich auch für Projektwochen. Ziel des Landesverbandes der Sinti und Roma ist es, in allen Regionen Hessens ähnliche Medienkoffer-Projekte voranzutreiben.
pep
1.10.2009
http://www.echo-online.de/suedhessen/static/794779.htm