Freie Szene: Im Mollerhaus zeigen die Kindertheaterprojekte im Lokalen Aktionsplan der Stadt Darmstadt eine Werkschau – Wissenschaftliche Analyse untersucht pädagogische Wirkung
DARMSTADT. Da blitzten sie wieder auf, die lustigen Schnabelstiefel vom Wolkenspringer, als „Die Stromer“ alias Thomas Best und Birgit Nonn am Mittwochabend einen Ausschnitt ihres Kinderstücks „Lula und der Wolkenspringer“ vorführten. Theaterinitiativen der Freien Szene Darmstadt stellten im Mollerhaus Projekte vor, die im Rahmen multikultureller pädagogischer Arbeit an Kindergärten und Schulen aufgeführt werden.
Neben den „Stromern“ sind es Theater Transit, Theater Lakritz und das Theaterlabor, deren Projekte als Teil des dreijährigen Lokalen Aktionsplans der Stadt für Vielfalt, Toleranz und Demokratie finanzielle Unterstützung bekommen. „Vielfalt tut gut“ heißt die Initiative des Bundesministeriums für Familie, die seit 2007 finanzielle Förderung ermöglicht.
Es war nicht nur Kunstgenuss, der den Abend prägte: Auf dem Programm stand ebenso die wissenschaftliche Analyse der Theaterarbeit. „Es reicht nicht, wenn wir uns einig sind, dass ein Stück toll ist. Wo Geld ins Spiel kommt, muss der pädagogische Wert der Theaterprojekte punktgenau belegt werden“, kommentierte Improvisationskünstler Rainer Bauer im Gespräch. In der Tat ist die Freie Szene auf jeden Cent angewiesen, wenn auch 180 jährliche Vorstellungen mit 12 000 Zuschauern für sich sprechen.
385 000 Euro stehen der Stadt zur Förderung antirassistischer, demokratischer Projekte zur Verfügung, sagte Sozialdezernent Jochen Partsch. Ein Schwerpunkt ist die Arbeit der Theatergruppen. Die Koordinierung der Darmstädter Projekte obliegt Udo Engbring-Romang von der Gesellschaft für Antiziganismusforschung. Olga Zitzelsberger, Leiterin des Praxislabors im Fachbereich Pädagogik der Technischen Universität (TU), stellte mit Studenten die Bewertung der vier Theaterprojekte vor.
Das fantasievolle Stück der Stromer etwa, in dem es um den Friedensschluss der „Gelbstrümpfe und Blausocken“ geht, wurde unter dem Aspekt der Förderung sozialen Verhaltens bei Fünft- und Sechstklässlern der Mornewegschule abgeklopft. Mit Begleitung von Pädagogin Monika Steinmeier hatten die Stromer in Workshops versucht, Selbstvertrauen zu stärken und Frustrationstoleranz zu erhöhen. „Natürlich konzipieren wir unsere Theaterstücke nie mit dem erhobenen Zeigefinger“, sagte Thomas Best.
Die Theaterfreunde waren sich einig, dass die Begeisterung am Spiel der eigentliche Lehrmeister ist: Freundschaft zu schließen wie Lula und der Wolkenspringer, erscheint als ein herrliches Ziel. Wissenschaftlich betrachtet wurde aber bedauert, dass Lehrer nur unvollständig an Vor- und Nachbereitung des Projekts teilnahmen, sodass die friedensfördernden Inhalte des Stücks nicht in den Unterricht aufgenommen wurden. Die Schüler aber wünschten, „Die Stromer“ mögen wiederkommen.
Amüsant war die Theaterarbeit von „Theater Lakritz“, bei der Björn Lehm, Konrad Büttner und Andreas Konrad in acht Kindergärten ein Stück erarbeiteten. Der Spaß, so belegten Videos und Vortrag der Textvorlage aus Kindermund, war enorm. Das Künstlerherz jubiliert – aus wissenschaftlicher Sicht wurde mangelnde Integration in die Alltagspädagogik der Kindergärten kritisiert.
Max Augenfeld vom „Theaterlabor“ stellte die Produktion „Heimat Fremde Heimat“ vor, ein engagiertes Projekt generationsübergreifenden multikulturellen Theaters. Alte Menschen und jugendliche Migranten machen Biografiearbeit zu lebensnahem Theaterspiel. Ermutigendes Fazit der Analytiker: „Jugendliche und Erwachsene nehmen differenzierter wahr, bauen Vorurteile ab.“ Zuletzt präsentierte Regisseurin Karla Leisen einen Ausschnitt der neuen Produktion von „Theater Transit“ – Jugendliche spüren dem Thema „Eigen und fremd“ nach. Werkschau ist am Freitag (28.) um 20.30 Uhr im Mollerhaus.
Charlotte Martin21.11.2008